Die Welt war sein Arbeitsplatz

19. Januar 2022

Zum Tod von Dr. John B. Taylor, ehemaliger Generalsekretär (1984-1992) von WCRP/RfP
Nachruf von Günther Gebhardt, Foto von Johannes Lähnemann (Ausschnitt)

August 1984: Nach einem langen Nachtflug aus Frankfurt waren wir müde am Flughafen Nairobi (Kenia) angekommen: Pfarrer Hermann Benz aus Stuttgart-Möhringen (Gründer der Ortsgruppe Stuttgart von RfP), zwei engagierte Abiturienten aus seiner Pfarrei, und ich. Und da kam er strahlend auf unsere kleine Gruppe zu und wünschte uns mit offenen Armen „Welcome to Nairobi!“. Er, das war John Taylor, neuernannter Generalsekretär von WCRP, und der Anlass war die 4. Weltversammlung von WCRP in Nairobi. Beide wurden wir dann auf dieser Versammlung als neue Funktionsträger in WCRP offiziell bestätigt: der erfahrene Dialogexperte John Taylor als Generalsekretär, und ich, der 16 Jahre jüngere Neuling, als hauptamtlicher Referent für WCRP/Europa. Diese erste Begegnung mit John Taylor zeigte einen prägnanten Wesenszug dieses weltgewandten Pioniers des interreligiösen Dialogs: seine warmherzige Zugewandtheit zu Menschen unterschiedlichster Herkunft, kultureller oder religiöser Prägung. Sie bewirkte, dass man sich an noch so weit entfernten und zunächst fremden Orten der Welt sofort willkommen fühlen konnte, sobald er auftauchte.    

Der 1937 in England geborene John Bernard Taylor gehörte der Methodistischen Kirche an, wie so viele führende und maßgebende Persönlichkeiten der weltweiten christlichen Ökumene und des interreligiösen Dialogs. „Die Welt ist meine Pfarrei“ hatte John Wesley, der Begründer der methodistischen Bewegung im England des 18. Jahrhunderts, proklamiert, und etwas von diesem Geist durchzog auch John Taylors Leben und Wirken. Als promovierter Islamwissenschaftler lehrte er zunächst an den Selly Oak Colleges in Birmingham, einer Pionierstätte der akademischen Beschäftigung mit Weltreligionen und interreligiösem Dialog. In den 1970er-Jahren und bis 1984 arbeitete er in der Abteilung für Interreligiösen Dialog des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf, speziell im Bereich des Christlich-muslimischen Dialogs. Mit diesem Erfahrungshintergrund wurde er 1984 Generalsekretär der internationalen NGO „Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ (WCRP, in den 1990er-Jahren umbenannt in „Religionen für den Frieden“/RfP), als Nachfolger des Gründungs-Generalsekretärs Homer Jack (USA), der aus Gesundheitsgründen nach 13 Jahren zurückgetreten war. Das internationale Generalsekretariat wurde von New York nach Genf verlegt, aber ein Büro in New York gegenüber dem UN-Hauptquartier beibehalten.

In den acht Jahren als Generalsekretär nutzte John Taylor seine vielfältigen Dialog-Erfahrungen, sein breites persönliches Netzwerk und die besonderen Möglichkeiten, die Genf bot, um WCRP inhaltlich und strukturell zu verbreitern und zu diversifizieren. Hier, am zweiten Sitz der Vereinten Nationen und Sitz wichtiger UN-Unterorganisationen sowie der grossen Dachorganisationen der christlichen Ökumene, machte John Taylor durch seine unermüdliche Präsenz in den Kreisen der akkreditierten NGOs, vor allem auch im Menschenrechtsbereich der UN, WCRP und ihr Anliegen bekannt. Dieses Anliegen, das Potential der Religionen der Welt für den Frieden auf der Welt fruchtbar zu machen, indem man ihre Zusammenarbeit förderte, war damals nicht selbstverständlich anerkannt. Religionen wurden weithin eher als Teil des Problems angesehen, nicht als möglicher Teil der Lösung. Dialog der Religionen war noch kaum als gesellschaftlich relevante Aufgabe akzeptiert. Die Welt befand sich im Kalten Krieg, und in den kommunistischen Ländern galt Religion offiziell als irrelevant. Dies spiegelte sich auch in den UN- und NGO-Kreisen in Genf wider. Hier konnte John Taylor Vertrauen bilden und Brücken bauen, da er sich selbst und WCRP dem Blockdenken nicht unterwarf. Zudem fand WCRP als authentisch interreligiöse Organisation, die nicht von einer Kirche oder Religion abhängig war, eine gewisse Glaubwürdigkeit. Kooperation mit anderen, Gleichgesinnten, war ein zentrales Anliegen John Taylors. So intensivierte er die Kontakte mit anderen interreligiösen Organisationen, mit den Vertretungen und Dachorganisationen anderer Religionen (etwa der islamischen Welt) und mit den ihm bereits vertrauten internationalen ökumenischen Organisationen, die ihren Sitz nur ein paar Schritte vom WCRP-Büro entfernt hatten. Berührungsängste und Konkurrenzdenken zwischen Organisationen waren ihm fremd, Kooperation und Partnerschaft zum Nutzen aller Beteiligten sah er als das Gebot der Stunde.

Diese Kooperationen halfen John Taylor auch, innerhalb von WCRP die Strukturen und Gremien weiter zu internationalisieren und zahlreiche neue Personen für die Mitarbeit zu gewinnen. Ein religiös und regional vielfältig besetztes Präsidium und ein Internationaler Rat wurden eingerichtet. Zudem förderte John Taylor eine stärkere Rolle von Frauen und jungen Leuten in WCRP. Besonders die Verankerung von WCRP auf nationaler Ebene lag ihm am Herzen. In seiner Amtszeit entstanden nationale Sektionen von WCRP in den verschiedensten Ländern, teils sogar mit lokalen Gruppen. Er war überzeugt vom Wert interreligiöser Zusammenarbeit an der Basis. Kein Wunder, dass er die Arbeit von WCRP in Europa, speziell auch in Deutschland, mit viel Sympathie begleitete.

All diese Schritte zur Weiterentwicklung von WCRP unternahm John Taylor nicht allein von seinem Genfer Schreibtisch aus. Er war ein großer Reisender und ausgiebig auf der ganzen Welt unterwegs. Ganz im Sinne John Wesleys kann man von John Taylor sagen: Die Welt war sein Arbeitsplatz. Für ihn standen die persönlichen Kontakte im Mittelpunkt, mehr als Strukturen und Satzungen. Wollte man Menschen für die Anliegen von WCRP gewinnen, musste man sie aufsuchen, sie und ihr Umfeld, ihre Institutionen kennenlernen und dafür Interesse zeigen. Neugier und Respekt für alle Religionen zeichneten John Taylor aus. Konfessionalismus war ihm trotz seiner Beheimatung in seiner Kirche fremd. Damit verkörperte er Haltungen, die allgemein für Dialogarbeit gültig sein sollten.

Dieses Verständnis seiner Arbeit spiegelt einen zentralen Wesenszug John Taylors wider. Er besass die Fähigkeit, andere für sich einzunehmen durch herzliche Offenheit und respektvolle Höflichkeit. Ihm ging es darum, Konsens und Kompromiss zu fördern, Entwicklungen zu ermöglichen statt zu verhindern. Schroffe Urteile waren seine Sache nicht. Auch wenn er mit etwas nicht einverstanden war, fand er eine Weise dies auszudrücken, die das Gegenüber nicht bloßstellte oder verletzte. Gerade in unserer aufgeheizten Zeit mit ihren schwarz-weiß Schemata wären viel mehr Menschen mit dieser Fähigkeit dringend vonnöten. Wer wie ich die Freude hatte, mit John Taylor nicht nur als langjähriger Mitarbeiter, sondern auch häufig privat zusammenzukommen, erlebte einen feinsinnigen, kultivierten Menschen mit breiten Interessen, aber auch erstaunlichen praktischen Fähigkeiten. Sein Haus stand Gästen aus aller Welt offen, und seine ganze Familie – seine Frau Margaret und die Kinder Matthew, Stephen und Eleanor – strahlte eine außerordentliche Gastfreundschaft und eine Atmosphäre der Wärme aus.

Als 1992 das verantwortliche Gremium von WCRP beschloss, aus strukturellen, finanziellen und personellen Erwägungen das internationale Generalsekretariat wieder nach New York zu verlegen, trat John Taylor von seinem Posten als Generalsekretär zurück. In der Folge brachte er seine vielfältigen Kompetenzen für die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) in Genf als Sonderbeauftragter für ex-Jugoslawien ein, später als Genfer Vertreter der International Association for Religious Freedom (IARF). In den letzten Jahren war er mehr und mehr von schweren Krankheiten gezeichnet. Am 6. Januar 2022 ist John Taylor mit 84 Jahren gestorben. Mit ihm geht ein Pionier des interreligiösen Dialogs, der für WCRP/RfP in Zeiten weltgeschichtlicher Umbrüche wichtige Weichen gestellt hat.

Dr. Günther Gebhardt
Früherer Generalsekretär und Vize-Moderator von RfP Europa, langjähriger Mitarbeiter von John Taylor in Genf

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